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Foto: Diskussionsrunde beim Brünner Symposium 2016 - Bild: LE/tra

Vor 25 Jahren begannen die Iglauer Gespräche ein neues Kapitel der Annäherung zwischen Deutschland, Österreich und Tschechien. Ohne Scheuklappen sollten damals in Iglau (Jihlava) gemeinsame Th emen diskutiert werden. Mittlerweile ist die Veranstaltung gewachsen und 2007 nach Brünn umgezogen. Seitdem hat der „Dialog in der Mitte Europas“, der nun auch „Brünner Symposium“ genannt wird, viele aktuelle Themen behandelt und Menschen in der Mitte Europas zusammengebracht.

 

Die Ackermann-Gemeinde und die Bernard Bolzano Gesellschaft, die das Brünner Symposium gemeinsam veranstalten, können mit Stolz auf eine erfolgreiche Veranstaltungsreihe zurückblicken Vor einem Vierteljahrhundert war noch nicht daran zu denken, dass ein solches Symposium im Großen Saal des Neuen Brünner Rathauses eröffnet werden könnte.

Mittlerweile hat sich aber viel bewegt und aus den bescheidenen Anfängen ist ein jährlicher Fixpunkt des gemeinsamen Austauschs geworden. Dieses Jahr eröffneten nicht nur der deutsche und der österreichische Botschafter den Dialog in der Mitte Europas, es war auch wieder Tschechiens Botschafter in Berlin anwesend. In Zeiten der Rufe nach verstärkten Grenzen und neuen Zäunen wird hier Mitteleuropa mit all seinen Unterschieden in seiner Gesamtheit wahrgenommen.

Das diesjährige übergreifende Thema „Wie viel Vielfalt vertragen unsere Gesellschaften? Der Umgang mit Flüchtlingen in historischer und europäischer Perspektive“ nahm dann auch die aktuelle Diskussion auf und ließ in unterschiedlichen Formen verschiedene Standpunkte zu Wort kommen. In der ersten Diskussionsrunde sprach Tschechiens Kulturminister Daniel Herman von der Notwendigkeit, Brücken zu den Flüchtlingen zu bauen. Der Warschauer Journalist Adam Krzeminski prophezeite gar, Deutschland werde im 21. Jahrhundert durch den Zuzug der Flüchtlinge von einer Nationalkultur zu einem kulturellen Amalgam werden, einem Schmelztiegel der Kulturen.

Fliehen und Ankommen

Persönliche Erfahrungen mit Flucht, Migration und Integration kamen in einer weiteren Podiumsdiskussion zur Sprache. Dabei wurden sehr unterschiedliche Biographien präsentiert. Der ehemalige bayerische Generallandesanwalt Walter Rzepka sprach von seinen Erlebnissen bei der Vertreibung aus Troppau (Opava), der Odyssee seiner Familie durch Sachsen und Thüringen bis nach Bayern und der sehr schwierigen Phase der Integration. „Die einheimische Bevölkerung hat sich abgeschottet, aber ich nehme es ihr überhaupt nicht übel, sie war ja auch stark geschädigt nach dem Krieg“, fasste er die erste Zeit in der neuen Heimat zusammen. Eine wirkliche Aufnahme habe es erst allmählich gegeben, mit der immer deutlicher werdenden Endgültigkeit der Situation. Dazu habe auch die gesetzliche Gleichstellung der Vertriebenen mit den alteingesessenen Deutschen 1949 beigetragen.

Lída Rakušanová kam nach der sowjetischen Okkupation der Tschechoslowakei 1968 in die Bundesrepublik. Sie sprach in Brünn von den damaligen Existenzsorgen im neuen Land, aber auch davon wie ihr Gewerkschaftler in der Fabrik, in der sie arbeitete, aber auch Vertriebene geholfen haben. Die herzliche Aufnahme gerade durch die Vertriebenen hatte viel mit dem Verständnis für die persönliche Situation des verstellten Rückwegs zu tun. Seit der Wende lebt Lída Rakušanová zeitweise in Prag und im Bayerischen Wald und arbeitet als Journalistin für tschechisch- und deutschsprachige Medien.

Von seinem Weg aus Griechenland nach Tschechien erzählte Konstantinos Tsivos, der an der Karlsuniversität Prag lehrt. Die Mentalitätsunterschiede zwischen den beiden Ländern haben ihm zwar Schwierigkeiten bereitet, für das bessere Leben hier sei er aber dankbar. Die aktuelle xenophobe Hysterie sei für ihn unerwartet gekommen, sagte Tsivos. Unter lauten Stammtischparolen sei die Diskussionskultur verlorengegangen und man höre einander nicht mehr zu. So könnten Argumente nicht wirklich ausgetauscht und konstruktiv besprochen werden, analysierte er die Situation.

Hassan Ali Djan, der 2005 als Minderjähriger aus Afghanistan über den Iran und die Türkei nach Deutschland kam, berichtete von seiner abenteuerlichen Flucht. Seine Erfahrungen hat er in „Afghanistan. München. Ich. Meine Flucht in ein besseres Leben“ (Herder Verlag, 2015) beschrieben und gab in Brünn Einblicke in die unglaublichen Strapazen der Flucht und die Tücken der Bürokratie nach der Ankunft. Die Flucht zu verarbeiten, während das Leben um einen herum weiterläuft, sei eine besonders große Herausforderung. Gegenseitiges Verständnis sei ein wichtiger Baustein der Integration und Offenheit ein wichtiger Baustein: „Europäische Werte sind Werte der Offenheit, die darf man nicht wegwerfen.“

Rückblick auf Erfolge

Einen großen Schritt zum gegenseitigen Verständnis hatte 2015 die Stadt Brünn mit dem „Jahr der Versöhnung“ getan. Einer der Höhepunkte des Jahres war die Wallfahrt der Versöhnung, die in Gegenrichtung des Brünner Todesmarsches vom 30. Mai 1945 vom Massengrab in Pohrlitz (Pohořelice) nach Brünn verlief. Die Organisatoren der Wallfahrt sprachen vom überwältigenden Interesse am Thema und dem langen Weg, den diese Initiative hinter sich hatte. Gestartet war man 2006 mit drei Leuten, die die Route abliefen, 2015 war es eine riesige Menschenmenge, die zum Geläut der Brünner Glocken in der Stadt ankam. Es habe sich viel bewegt in den letzten zehn Jahren, konstatierte auch Oberbürgermeister Petr Vokřál, der sich sehr für die Aktion eingesetzt hatte.

Zum Symposium gehörte schon traditionell auch ein Essaywettbewerb, dessen beste Einsendungen nicht nur prämiert, sondern von ihren Autoren auch vor großem Publikum vorgestellt wurden. Nachlesen kann man die Siegerbeiträge auf den Internetseiten der Ackermann-Gemeinde: hier.

Dieser Artikel erschien im LandesEcho 4/2015.

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