Unser Autor Jürgen Barteld, Eisenbahner mit Herz und Seele, stellt Ihnen ausgewählte Bahnstrecken im deutsch-tschechischen Grenzgebiet vor, die die beiden Länder (wieder) näherbringen sollen. Diesmal betrachten wir die Strecke zwischen Johanngeorgenstadt und Breitenbach.

Preissprung auf Kurzdistanz 

Zwei Schienenwege führen von Zwickau in Sachsen nach Karlsbad (Karlovy Vary): via Aue – Schwarzenberg über den Erzgebirgskamm und Neudeck hinunter ins Egertal. Oder via Falkenstein und das Hohe Vogtland sowie durchs Tal der Zwodau und Falkenau (Sokolov). Wenngleich die zweite Variante als Umweg erscheint, bieten beide Verbindungen jeweils samstags und sonntags nahezu minutengleiche Reisezeit: zweieinhalb Stunden mit je einmal umsteigen. Doch werktags ist die Fahrt über den „erzgebirgischen Semmering“ favorisiert. Nach der Grenzpassage zwischen Johanngeorgenstadt und Breitenbach (Potůčky) wird der steile Anstieg hinauf nach Bergstadt Platten (Horni Blatná) genommen. Ein Erlebnis ist das allemal. Es folgt die Station Bärringen-Abertham (Pernink), mit 906 Metern über NN zweithöchstgelegener Bahnhof Böhmens – im Sommer Anziehungspunkt der Radler und im Winter der Skiläufer. Bei gutem Wetter können die Züge all die Ausflügler kaum fassen – die aus dem Egertal kommenden, wohlgemerkt. Von „drüben“, aus dem Sächsischen, ist der Zulauf sehr überschaubar. Das hat Gründe, wahrzunehmen bereits am Eisenbahn-Grenzübergang.

Im Bahnhof Johanngeorgenstadt wartet aktuell sechsmal am Tag die Tschechische Bahn (Česke dráhy) auf die Anschluss-Fahrgäste vom Zug aus Zwickau, der hier zu jeder Stunde ankommt. Meist steigen nur wenige um. Nur Minuten später, beim Stopp an der Station Potůčky, kommen mehr Leute – mitunter gar nur Deutsche. Das ist schon merkwürdig. Die Erklärung ist simpel. Wenn nämlich sofort bei Abfahrt in Johanngeorgenstadt das ČD-Zugpersonal ordnungsgemäß seines Amtes waltet, erschrickt der noch unkundige Fahrgast gleich mal. Denn die nur wenigen hundert Meter hinüber in die Tschechische Republik werden nach internationalem Tarif aufgerufen. 4,30 Euro sind für diesen Katzensprung fällig. Dagegen erscheint der „internationale“ Fahrpreis Johanngeorgenstadt – Karlsbad zu 10,30 Euro schon geradezu gering. Wer als Deutscher aber mit dem Pkw bis Breitenbach fährt und dort einsteigt, spart ordentlich Geld, weil eben der normale ČD-Tarif berechnet wird. Mit Schaffnern, die erst auf tschechischem Gebiet mit dem Kassieren beginnen, sollte man nicht rechnen.Umsteigen heißt es in Johanngeorgenstadt. Weiter nach Karlsbad geht es mit dem nun schon moderneren „RegioShark“ der Tschechischen Bahn - Foto: Jürgen Barteld

Freilich, wer in Zwickau oder anderswo ein „Egronet-Ticket“ löst – umso günstiger, je mehr mitreisende Personen (bis fünf) – muss sich keine Gedanken um den Grenz-Preissprung machen. Zumal er mit diesem Angebot große Touren unternehmen kann, gilt es doch bis ostwärts Komotau (Chomutov), südlich Marienbad (Mariánské Lázně), weiter bis nach Oberfranken und Ostthüringen. Da aber mittlerweile der Preis für dieses „Spezial“ schon 22 Euro beträgt (in Tschechien noch bescheidene 200 Kronen), ist es für kürzere Ausflüge ins Nachbarland auch nicht mehr attraktiv. Seit Jahr und Tag gibt es keinen günstigen Anschlussfahrschein zum auf deutscher Seite gültigen Tarif des Verkehrsverbundes Mittelsachsen (VMS) und die hier tätige DB-Erzgebirgsbahn bot – anders als nebenan die Vogtlandbahn – keine Fahrkarten zu Zielbahnhöfen jenseits der Staatsgrenze, also „durchtarifiert“, an. Ein Übelstand, der sicherlich viele Fahrgäste kostete und sowohl verkehrliches als auch betriebliches Desinteresse bekundete. Verschärft wurde die Situation noch, als die Erzgebirgsbahn zum Fahrplanwechsel 2015 ihre am Wochenende bis Karlsbad durchlaufenden markant roten Desiro-Triebzüge zurückgezogen hat. Das seither in Johanngeorgenstadt fällige Umsteigen wird immerhin durch die neueren tschechischen RegioShark-Züge angenehm kompensiert.

Zurückgezogen hat sich die DB-Erzgebirgsbahn auch am Bahnhof Johanngeorgenstadt, wo die diensthabende Aufsicht in fast jeder Lage helfen konnte und gerne auch touristische Auskünfte gab. Für die Unternehmensleitung im fernen Chemnitz war dieser Außenposten lediglich ein lästiger Kostenfaktor. Nach dem dann folgenden Auszug des Imbiss-Betreibers – und damit ohne wenigstens temporär geöffnete Räumlichkeit – ist der Johanngeorgenstädter Bahnhof verwaist. Reisende müssen sich auf elektronische Anzeigetafeln am Bahnsteig verlassen. Da bietet auch der kleine Unterstand kaum Schutz bei Wind und Wetter in Gebirgsnähe. Wenn dann einmal der Zug nicht kommt... Man darf nur hoffen, dass die tschechische Seite nicht gänzlich die deutsche „Bahnhofskultur“ übernimmt und etwa der Aufenthaltsraum im Empfangsgebäude zu Breitenbach, Station Potůčky, zugesperrt wird.           

UMGEHÖRT – NOTIERT

Thomas Fischer aus Plauen ist im Erzgebirge aufgewachsen und unternimmt bei jedweder Gelegenheit Touren per Bahn und wandert durch das Egronet-Gebiet. Er erinnert an die Anfänge des „neuen“ Reisens: „Für Johanngeorgenstadt war seit der Bahnwiedereröffnung 1991 Alleinstellungsmerkmal, dass man eben nur mit dem Zug hinüber nach Böhmen kam, die Straße nach Potůčky war allein für Fußgänger offen und die nächsten Pkw-Grenzübergänge weit entfernt in Oberwiesenthal oder Klingenthal. Erst im Februar 2008 bekam die Bahn Konkurrenz. Worauf der Betreiber auf deutscher Seite mitnichten reagierte. Die durchgehende Schnellverbindung von Chemnitz wurde schon bald wieder eingestellt, die Fahrzeiten waren im Vergleich mit dem Auto zu lang. Von Zwickau oder Aue aus stellt es sich schon ganz anders dar. Aber hier, auf der 'Brot-und-Butter-Linie' wurde kaum etwas für den touristischen Verkehr getan. Nach dem 'Egronet-Ticket', inzwischen mehrfach verteuert, kam nichts mehr. Und die beschriebene Tarif-Lücke bzw. -Hürde wurde nicht beseitigt. Offenbar jahrelanges Desinteresse auf deutscher Seite. Hinzu kommt: Es gelingt einfach nicht, tschechische Ausflügler zu Zielen im sächsischen Erzgebirge zu locken. Jahrelang waren das höhere Preisniveau sowie die Sprach- und Währungsbarriere erklärbare Gründe, teils auch die hier nur bedingte Gastlichkeit. Inzwischen floriert aber der Einkaufsverkehr Richtung Deutschland in schon erstaunlichem Maße - 'selbstverständlich' per Pkw. Die Bahnnutzung stagniert, obwohl auf beiden Seiten die Strecke tüchtig saniert und modernisiert wurde.“

Roswitha Meyer aus Antonsthal hat als Aufsicht am Bahnhof Johanngeorgenstadt gearbeitet: „.. bis zum jähen Ende für uns, meine Kolleginnen und Kollegen. Wir konnten das einfach nicht verstehen. Unsere Einwände und Vorschläge, also zur Tätigkeitserweiterung Richtung Fremdenverkehr gemeinsam mit Stadt und Tourismusverband verhallten. Ich habe der Bahn den Rücken gekehrt, weil es nicht mehr 'meine' Eisenbahn ist, bei der ich viele Jahre mit Freude und Einsatz gewesen bin. Bitter ist es für die alleingelassene bzw. verprellte Kundschaft, schauen Sie sich nur den heutigen Geisterbahnhof an.“

Jan (Hans) Kemr aus Neuhammer (Nové Hamry) lernte als Lokführer vom Depot Karlsbad bei seinen Diensten nach Johanngeorgenstadt nicht nur die Damen der dortigen Bahnhofsaufsicht beim Pausen-Kaffee kennen. Auch die Kollegen der Erzgebirgsbahn aus Aue, von denen sie in den 2000er Jahren jeweils am Wochenende die roten Züge zur Weiterfahrt nach Karlsbad übernommen haben. Dem voraus ging die Einweisung durch die Fachleute der Deutschen Bahn. Aus den schon sehr kollegialen Verbindungen erwuchsen Freundschaften: „Bald schon kam uns der Gedanke, doch einander näher kennenzulernen, und zwar beim gemeinsamen Wandern. Das tun wir immer noch, im Wechsel auf beiden Seiten des Gebirgskammes. Inzwischen sind schon einige in der Rente, umso größer ist die Freude beim Wiedersehen. Schade, dass der Bahnverkehr nicht Schritt hält. So haben wir bei Rückfahrten abends eine vergleichsweise schlechte Verbindung mit einer großen Lücke zwischen 16.30 und 21 Uhr.“