Nun kommt die Zeit für herrliche Wanderungen durch den herbstlichen Wald und für die Suche nach Pilzen und Schwammerln. Aber Vorsicht, hier kann so manches passieren.

Fegfeuer

Im Seewieser (Javorná) Gericht wächst eine Eiche, drunter liegt die Simandelbäurin begraben. Die Simandlin war ein boshaftes Weibsbild, sie vergönnte ihrem Mann und den Nachbarsleuten keine ruhige Stunde und ihre Zunge stach noch viel mehr als Disteln und Dörner. Als sie verstorben war, wollte sie geistern gehen, drum musste sie mit Gewalt ins Grab gebannt werden. Ein einziger Geistlicher reichte dazu nicht aus, es mussten ein Bischof und acht Pfarrer her, die erst brachten es zu weg, dass sie Ruhe gab unter der Erde. Aber nach hundert Jahren soll sie wieder umgehen, und die hundert Jahre sind bald herum.

Der Kaiser im Berg

Vor Zeiten rastete einmal ein blutjunger Kaplan auf den Trümmern des Ödschlössels. Da winkte ihm ein Zwerg aus einem verfallenen Gang und führte ihn tief in den Berg hinein, und sie kamen in wunderbare Zimmer, eines war schöner als das andere, dass dem Geistlichen die Augen

wehtaten vor lauter Glanz. In einem Zimmer war ein Tisch voller Kuchen und Braten und süßem Wein, dort aß und trank der Kaplan nach Herzenslust, und auch ein Himmelbett war dort zum Schlafen. Bevor der Zwerg ging, zeigte er ihm ein schwarzverhangenes Fenster und sagte: „Durch das Fenster darfst du nit schauen!“

Wie der Kaplan aber sich ausgeschlafen hatte, schaute er allweil das schwarze Tuch an, und schließlich konnte er sich vor seiner Neugier nimmer retten, und er schob das Tuch ein wenig weg. Da sah er einen riesigen Saal, drin funkelte es von Gold und Edelsteinen, an der Wand standen eiserne Ritter, und mitten im Saal schlief auf einem goldenen Sessel der uralte Kaiser, und seine schöne Tochter kämmte ihm den weißen Bart, der siebenmal um den Tisch gewachsen war. Wie dem Kaplan vor Schauen die Augen übergingen, stand der Zwerg neben ihm und vertrieb ihn mit wilden Gebärden aus dem Berg. Jetzt ging er nach Bergreichenstein (Kašperské Hory) zurück. Aber die Stadt war mit ihren Häusern und Gassen ganz verändert, und in den Gassen gingen lauter fremde Leute auf und ab, und er kannte niemand, und niemand kannte ihn. Und wie er im Pfarrhof nachfragte, so kam er darauf, dass er hundert Jahre im Berg verbracht hatte. Er war auf einmal ein eisgraues krummes Männlein und sank um und starb.

Im wilden Garten

Am Liebing (Libín) steht die Kapelle „Svatý Filip Neri“. Filip Neri war ein Heiler zu Zeiten der Pest. Foto: Dingoa/ wikimedia commons/ Patriarcha/ CC BY 3.0

Am Liebing (Libín) steht die Kapelle „Svatý Filip Neri“. Filip Neri war ein Heiler zu Zeiten der Pest. Foto: Dingoa/ wikimedia commons/ Patriarcha/ CC BY 3.0

Vor Zeiten stieg einmal ein Mann auf den Berg Liebing. Er kam vom Weg ab und irrte kreuz und quer durch die finstre Wildnis. Auf einmal geriet er mitten im Wald in einen Garten, dort war es wunderschön und licht, die Sonne schien hell darein, und die allerseltsamsten Stauden wuchsen da, und daran hingen ganz fremde Früchte, wie er sie nie gesehen. Blumen blühten da in allen Farben und Größen, sie waren wie von fremden Inseln, und wildfremde Vögel flogen durch die Luft oder saßen im Laub, und sie schlugen so wild und so schön und so traurig, und es war ein wunderliches Gesäus im Gras. Da ward es dem Mann schwindlig vor den Augen, und er wurde so müd und legte sich ins Moos und schlief ein. In der Nacht erst wachte er auf, wie in Prachatitz (Prachatice) drunten die Säumerglocke läutete. Wie der Mann wieder heimkam, war er ganz anders als früher, seine Augen schauten überall vorüber, und er redete nicht mehr viel. Es war sein Glück, dass er aus dem verwunschenen Garten heraus kommen war. Andere, die sich auch hinein verirrt hatten, kamen nimmer heim.

Entnommen aus: Hans Watzlik, Die Böhmerwäldler Sagen (1952)