Tschechien beschuldigt russische Spione, 2014 ein Munitionslager in die Luft gesprengt zu haben. Waren es dieselben wie beim Skripal-Anschlag?

Tschechiens amtierender Außenminister Jan Hamáček wollte am Montag eigentlich nach Moskau reisen, um über Lieferungen des Corona-Impfstoffs Sputnik V zu verhandeln. Am Freitag hieß es überraschend, der Minister fahre doch nicht, er sei momentan unabkömmlich.

Am Samstagabend wurde klar, weshalb die Reise tatsächlich abgesagt wurde: Der Minister informierte die Presse gemeinsam mit Regierungschef Andrej Babiš über einen in den nie ganz spannungsfreien Beziehungen zwischen Tschechien und Russland beispiellosen Vorgang.

Langwierige Ermittlungen hätten „eindeutige Beweise“ dafür geliefert, dass für die Explosion auf einem Munitionslager in Südmähren im Jahre 2014 zwei russische Militärspione verantwortlich gewesen seien. Die Regierung habe deshalb entschieden, 18 Angehörige der russischen Botschaft, die sich der Spionage widmeten, des Landes zu verweisen. Sie müssten innerhalb von 48 Stunden Tschechien verlassen.

Zwei Menschen starben

„Tschechien ist ein souveräner Staat und muss auf diese nie dagewesenen Enthüllungen in entsprechender Form reagieren“, betonte Regierungschef Babiš. Auch Präsident Miloš Zeman teile das Vorgehen der Regierung. Diese Bemerkung war nicht unwichtig, weil Zeman als besonders Moskaufreundlich gilt.

Worum geht es? Im Oktober 2014 erschütterten schwere Explosionen die Gegend des Ortes Wirbietitz (Vrbětice). Zwei Menschen kamen bei den stundenlangen Detonationen von rund 50 Tonnen Munition ums Leben. Unweit des Ortes flog der Teil eines von privaten Rüstungsfirmen genutzten Munitionslagers in die Luft. Hunderte Minen und anderes Kriegsgerät waren dort verstaut. Mehrere Ortschaften in der Umgebung mussten seinerzeit evakuiert werden. Tausende Soldaten waren in den zwei Jahren danach mit Aufräum- und Sicherungsarbeiten beschäftigt.

Ein paar Tage vor der Oktober-Explosion reisten die zwei Mitglieder des russischen Militärgeheimdienstes GRU, Anatoli Tschepiga und Aleksandr Mischkin, mit falschen Pässen von Moskau nach Prag, hielten sich in Mähren und auch in dem besagten Gebiet auf und hatten zudem offiziell eine Besichtigung der ganzen Anlage beantragt. Die Zusage dafür hatten sie für den Zeitraum vom 13. bis zum 17. Oktober 2014. Die Explosion im Munitionsdepot ereignete sich am 16. Oktober um 9.25 Uhr. Die Polizei hat noch keine direkten Beweise dafür, dass beide Männer den Komplex tatsächlich selbst betreten haben, hält diese Hypothese jedoch für höchst realistisch.

Den Ermittlern zufolge sollte das Kriegsgerät vermutlich nicht in dem tschechischen Lager, sondern erst später, während des Transports an seinen eigentlichen Bestimmungsort, vernichtet werden. Eingelagert war es auf Bestellung eines bulgarischen Waffenhändlers, bestimmt für die militärischen Konflikte in der Ukraine und in Syrien. Das geht aus Recherchen des Magazins Respekt hervor.

Fahndungsfotos veröffentlicht

Die Prager Behörden veröffentlichten am Samstag auch Fahndungsfotos der Militärspione Tschepiga und Mischkin. Sie stimmen mit denjenigen von zwei Tatverdächtigen überein, die im Zusammenhang mit dem Nervengift-Anschlag auf den früheren britisch-russischen Doppelspion Sergej Skripal in Großbritannien gesucht werden. Die beiden russischen Agenten sollen überdies gemeinsam mit einem dritten Spion versucht haben, den erwähnten bulgarischen Waffenhändler in Sofia und am Schwarzen Meer zu liquidieren.

Tschechische Politiker zeigten sich in ersten Stellungnahmen schockiert von den Informationen von Hamáček und Babiš. Petr Fiala, Chef der oppositionellen Bürgerdemokraten, sprach von einem „Akt des Staatsterrorismus gegenüber einem souveränen demokratischen Land“.

Politiker fordern EU-Gipfel

Die Chefin der oppositionellen Partei TOP 09, Markéta Pekarová Adamová, sagte, „Russland hat sich bis heute nicht damit abgefunden, dass Tschechien nicht mehr Teil seiner Einflusssphäre ist“. Wie andere Politiker forderte sie die Regierung in Prag auf, wegen des Vorgangs einen EU-Gipfel zu beantragen.

Aus Kreisen der Regierung wie der Opposition wurde verlangt, Russland sofort aus dem Kreis derjenigen auszuschließen, die das tschechische Atomkraftwerk in Dukovany ausbauen wollen.

In Moskau reagierte man umgehend auf die Ausweisung der Diplomaten. Prag sei sich sehr bewusst, was auf „solche Tricks“ folge, sagte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa.