Nach fast 102 Jahren steht auf dem Altstädter Ring wieder die Mariensäule. Wie kam es aber dazu, dass sie abgerissen wurde? Eine der Hauptfiguren war eine schillernde Figur aus dem damaligen Arbeiterbezirk Žižkov.

Franta (Franzl) Sauer war eine jener Persönlichkeiten aus dem Prager Arbeiterviertel Žižkov, wie man sie sich heute nicht mehr vorstellen kann. Ein gelernter Schlosser, der später Bücher schrieb und der dem in der Welt berühmtesten tschechischen Buch „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ auf die Welt verhalf. Für Žižkov waren ausgeprägte Typen charakteristisch, welche auch mit ihrem speziellen Dialekt den typischen „Prager Pepi“ („pražský Pepík“) repräsentierten.Franta Sauer wohnte in der Jeronýmova 8 in der 3. Etage. Später zog dort Jaroslav Hašek mit seiner zweiten russischen Frau Schura ein. Foto: Milan Faltus

Franta Sauer wohnte in der Jeronýmova 8 in der 3. Etage. Später zog dort Jaroslav Hašek mit seiner zweiten russischen Frau Schura ein. Foto: Milan Faltus

Er war das siebte von acht Kindern, seine Eltern waren Analphabeten, doch der Sohn las in der Jugend viel. Er war von mächtiger Statur und ein Mann von Dutzend Berufen: Zum Beispiel verkaufte er heilige Bilder, war Sänger in Kneipen, betrieb eine Wäscherei, war Versicherungsvertreter der Bank Slavia, Laternenanzünder, Filmstatist, Publizist und Tabak- oder Süßwarenschmuggler.

Unbestritten ist sein Verdienst um den Braven Soldaten Schwejk. In den Jahren 1921 und 1922 war er zusammen mit dem Autor Hašek Herausgeber der ersten Ausgabe in Heften. Er besorgte das notwendige Kapital für die Herausgabe des ersten Teiles und überzeugte Hašek, am Roman weiterzuschreiben. Er selbst war auch Autor einiger Bücher und Schauspiele, schrieb für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften und spielte in einigen Filmen. In seiner Autobiographie „Franta Habán ze Žižkova“ („Der lange Franzl aus Žižkov“) schildert er auch das Geschehen um die Mariensäule. Am Freitag, den 5. Juni 2020, kehrte die Mariensäule auf ihren angestammten Platz auf dem Prager Altstädter Ring zurück - Foto: Milan Faltus

Am Donnerstag, den 4. Juni 2020, kehrte die Mariensäule auf ihren angestammten Platz auf dem Prager Altstädter Ring zurück. Foto: Milan Faltus

Franta Sauer und viele Tschechen betrachteten die Säule mit der Marienstatue als Symbol der Unterdrückung der tschechischen Nation durch die Habsburger sowie als Symbol der gewaltsamen Rekatholisierung Böhmens. Die Meinung vieler Prager und insbesondere der Bewohner von Žižkov zum weiteren Schicksal der Säule war nach dem Zerfall des Kaiserreiches am 28. Oktober 1918 eindeutig: die Habsburger sind weg, die Säule muss auch weg.

Zwischen Donnerstag und Sonntag

Franta ging am Donnerstag, den 31. Oktober 1918, also ein paar Tage nach der Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik, mit einigen Freunden in die Innenstadt (Žižkov wurde erst 1922 Teil Prags). Am Arbeiterhaus (Dělnický dům) in der Hybernská-Straße trafen sie den Redakteur der sozial-demokratischen Zeitung Právo lidu Jan Skála, der ihnen im vertraulichen Gespräch mitteilte, dass das Exekutivkomitee der Sozialdemokratischen Partei in einer Sitzung entschied, die Mariensäule niederreißen zu lassen. Er, Skála, wandte sich an Franta und bat ihn, sich dieser Aufgabe anzunehmen. Sauer stimmte ohne langes Zögern zu.

Über das ganze Vorhaben hatte Sauer mit seinem Freund aus dem Militärgefängnis Alois Hykeš eingehend diskutiert. Dieser war „etwas“ religiös und hatte sich Sorgen gemacht, dass der Jungfrau Maria beim Niederreißen der Säule etwas zustoßen könnte, was Franta ihm auszureden versuchte. Nach einem Gespräch der beiden, bei dem schon die einzelnen Schritte festgelegt wurden, betrat Hykeš die Teynkirche und begann „präventiv“ zu beten. Sein Gebet ging in etwa so: „Oh gnädige Jungfrau Maria, verzeihe uns, dass wir mit meinem Freund die Säule am Altstadtring abreißen, auf der deine steinerne heilige Statue steht. Glaube uns, wir wollen dich keineswegs beleidigen… Franta, sage es auch der Jungfrau Maria, dass wir sie nicht beleidigen wollen. Siehst du, Jungfrau Maria, der Franta verspricht, dass dir, oh Königin des Himmels, nichts zustößt.“ Auf diese Art und Weise beruhigt konnte Hykeš wieder herzlich lachen, als Sauer zu ihm sagte: „Mensch, heute können wir auch den Pulverturm niederreißen, wenn es nur im Namen des Nationalkomitees geschieht.“

Zwei Tage versuchten sie erfolglos Werkzeuge, Leiter und Seile aufzutreiben, die zum Niederreißen der Säule notwendig waren. Sauer entschied pragmatisch, Tricks und List anzuwenden, um an sein Ziel zu kommen. Am Samstag ging er zu Hodan, dem Direktor der Feuerwehr in Žižkov, den er von einer Kneipe in Žižkov kannte und täuschte ihm gegenüber vor, dass die prominenten Politiker Kramář und Klofáč und das Nationalkomitee ihm aufgetragen haben, die Mariensäule niederzureißen. Er, Hodan und seine Feuerwehrleute sollen ihm dabei behilflich sein. Die Säule müsse am Sonntag weg. Hodan war gleich einverstanden und meinte ganz im Sinne des Zeitgeistes, dass diese Schande weg müsse… Darüber hinaus war er erfreut, dass sich die hohen Herren an ihn erinnert haben.

Um vier Uhr geht es los

Frantas Anweisung war klar: Um vier Uhr am Sonntag geht es los. Alles war mit den Organisatoren der Kundgebung anlässlich des Jahrestages der Schlacht am Weißen Berg abgesprochen, sie standen mit Žižkov in telefonischer Verbindung und sobald die Menge vom Weißen Berg sich in Richtung Altstadtring begab, wurde die Feuerwehr in Žižkov angewiesen, sich ebenfalls auf den Weg zum Altstädter Ring zu machen.

Das Niederreißen war nicht einfach, aber nach einiger Zeit gelang es doch. Neben den Scharmützeln zwischen den Anhängern (meist aus Žižkov) und Gegnern der Entfernung der Säule gab es noch zwei kleine Episoden. Eine Dame wollte die Tat mit all ihren Kräften verhindern, kniete vor Sauer und bat ihn, die Aktion einzustellen. Er war zunächst gerührt von der Inbrunst, mit der sie ihren Protest vorbrachte, dann meinte er aber, dass die Dame eben unter der Säule endet, die bald niedergerissen wird. Daraufhin flüchtete sie in die Teynkirche.

Das andere Zwischenspiel war die Ankunft einiger Herren vom Nationalkomitee in einer Limousine, die im letzten Moment das Niederreißen doch verhindern wollten. Hier waren sie aber in der Minderheit und nachdem sie ein Verbot aussprachen, sich der Statue zu nähern, wurden sie von der anwesenden Menge ausgelacht. Die Herren pochten darauf, dass sie vom Nationalkomitee kommen, worauf Franta Sauer meinte: „Ja ja, sie sind vom Nationalkomitee, aber wir sind die Nation.“

Nach dem Niederreißen gab es etliche Proteste in Tschechien, der Slowakei und in ganz Europa. Auch war die Tat die erste Gelegenheit, bei der die Sudetendeutschen ihre Unzufriedenheit mit der ausgerufenen Republik zum Ausdruck brachten. Das Tschechoslowakische Nationalkomitee verurteilte die Tat, bezeichnete die ganze Sache als einen historischen Irrtum und gab die Anweisung, auf ähnliche Aktionen in der Zukunft zu verzichten. Dies ging gegen den Strich von Franta Sauer, der etwas naiv dachte, dass „seine revolutionäre Tat“ eine Signalwirkung haben würde und weitere und weitere Denkmäler, die die k.-k. Monarchie symbolisieren, folgen würden. Der erste Präsident der Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, der zu der Zeit in London weilte, erklärte: „Wenn die Prager die Statue entfernten, bin ich froh, weil die Statue für uns eine politische Demütigung war.“

Franta Sauer legte vor seinem Tod im Jahre 1947 eine umfangreiche Beichte im Franziskanerkloster ab. Unmittelbar vor seinem Tod bei den Borromäerinnen-Schwestern im Prager Krankenhaus Petřín soll er bei der letzten Ölung dem Priester gegenüber seine Tat bereut haben.

Trauriges Nachspiel

Ein trauriges Nachspiel hatte die Sache auch für die drei wichtigsten Protagonisten, die Sauer Hilfe leisteten. Gegen den Direktor der Feuerwehr, Hodan, der Sauer das Werkzeug und Feuerwehrleute zur Verfügung stellte, wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Die List von Franta Sauer traf ihn so sehr, dass er einen Schlaganfall erlitt und starb. Sein Untergebener Zedníček, dem Sauer beim Gelingen der Aktion die Funktion des Feuerwehrgenerals für die ganze Tschechoslowakei in Aussicht stellte, musste seine Stelle bei der Feuerwehr verlassen und wurde Gemeinderattenfänger.

Der „etwas religiöse“ Freund von Sauer, Alois Hykeš, der sich so viel Sorgen um die Jungfrau Maria und ihren Kopf machte, ist verrückt geworden – er lief durch die Straßen Prags und schaute sich alle möglichen Säulen an und bat Vorbeigehende, ihm zu helfen, diese „Schande“ zu beseitigen. Er litt unter der Vorstellung, dass alle Prager Säulen skandalös sind und für die Nation nur Schande bedeuten.