Gaststätten fühlen sich als Verlierer der Coronakrise. Die tschechische Regierung hat sie bei den Rettungsmaßnahmen vergessen, meinen sie. Erste Betriebe stellen sich offen gegen die staatlichen Maßnahmen.

Für Gabriela Schönbauerová geht es jetzt um alles. Dafür hat die Eigentümerin der kleinen Brauerei Monopol in Teplitz (Teplice) gemeinsam mit anderen Restaurants den „Aufstand der Gaststätten“ initiiert. Seit letzter Woche widersetzten sie sich der staatlichen Anordnung, dass Gastbetriebe schon um 20 Uhr schließen müssen. Damit hatte die Regierung in einem ersten Schritt auf den neuerlichen Anstieg der Infektionszahlen reagiert. Zuvor durften die Gaststätten wenigstens bis 22 Uhr öffnen. An den Tischen waren nur vier Personen erlaubt. Angesichts immer noch hoher Infektionszahlen, war dies ein großer Fortschritt, von dem die Restaurantbetreiber in Deutschland nur träumen konnten.

Boykott mit Hygiene

Doch dann gingen die Zahlen wieder nach oben. „Der Anstieg begann ja schon vor der Wiederöffnung der Restaurants, kann also schlecht mit uns zusammenhängen“, fühlt sich Schönbauerová als Sündenbock. Die zwei Stunden am Abend, die ihr von der Regierung genommen wurden, seien die umsatzstärksten. Dem Aufruf zum Boykott der früheren Schließzeit folgten in Teplitz nicht nur fast 20 Betriebe, sondern auch zahlreiche Gäste. „Wir haben die Nationalflagge aufgehängt und natürlich alle Hygienevorschriften respektiert“, so Schönbauerová. Die Polizei reagierte zwar am ersten Abend auf den angekündigten Boykott, blieb aber angesichts der Vielzahl der Betriebe machtlos. „Sie hatten sogar für uns Verständnis. Das sind ja teils Jungs, die selbst in die Gaststätte gehen.“

Verständnis zeigte auch der Oberbürgermeister von Teplitz, Hynek Hanza. Der Politiker der konservativen ODS, die auf Landesebene in der Opposition ist, wollte der Aktion zwar nicht als öffentlicher Funktionsträger zustimmen. „Als Mensch habe ich aber für Sie Verständnis. Die Einschränkung der Öffnungszeit macht keinen Sinn und beeinträchtigt ganz bedeutend ihre ohnehin schon bedrohten wirtschaftlichen Grundlagen“, schrieb Hanza auf seinem Profil bei Facebook.

Das Geld kommt nicht an

Die Lage der Hotels und Gaststätten in Tschechien ist dramatisch. Sie bekamen zwar Zuschüsse je Beschäftigte. Die erloschen aber, wenn sich die Gaststätte für einen Außer-Haus-Verkauf entscheidet, was viele in den letzten Wochen genutzt hatten, um die Kundschaft zu halten. „Außerdem werden die Zuschüsse nur mit großer Verzögerung ausgezahlt. Für die letzte Schließung im Oktober und November habe ich noch gar kein Geld gesehen“, sagt Gabriela Schönbauerová. Sie beschäftigt in Kleinbrauerei, Restaurant und Hotel insgesamt 40 Kräfte. „Und wir haben die Fixkosten, die uns keiner ersetzt. Energie, Versicherung, Kredite“, so Schönbauerová.

Dass es tschechischen Betrieben ja besser geht als deutschen, die gar nicht öffnen können, findet sie nicht. „Die deutschen Betriebe erhalten ja eine Kompensation für ihren Umsatzausfall.“ Genau darum geht es ihr auch bei ihrem jetzigen Kampf. „Wir wurden bislang vergessen.“ Busspediteure erhalten eine Entschädigung je Sitzplatz. „Das würde bei uns auch funktionieren mit einer Entschädigung je Stuhl“, stellt sich Schönbauerová eine Lösung vor.

Kompensation als Mogelpackung

Für die erneute Schließung seit heute hat die Regierung nun eine Kompensation zugesagt. Die ist aber vom deutschen Modell weit entfernt. „Premierminister Andrej Babiš hatte zwar eine 100-Prozent-Kompensation versprochen. Im besten Fall bekommen die Betreiber aber nur 40 Prozent ihres eigentlichen Umsatzes“, hat Tomáš Prouza, der Präsident des tschechischen Handels- und Tourismusverbands, errechnet.

Das hat damit zu tun, dass sich die Kompensationen nicht wie in Deutschland am Umsatz des letzten Jahres orientiert. „Die Regierung zahlt pro Arbeitnehmer 400 Kronen/Tag (16 Euro) und zahlt die Miete. Letzteres können wir aber nicht in Anspruch nehmen, weil uns das Haus gehört. Dagegen müssen wir weiter die Kredite bedienen. Dafür bekommen wir nichts“, erklärt Gabriela Schönbauerová ihre Situation. Kleinere Gaststätten, die als Familienbetriebe laufen, bekommen wiederum keine Arbeitnehmerzuschüsse.

Lösung wie in Deutschland gefordert

„Am gerechtesten wäre wirklich das System wie in Deutschland. Außerdem wurden uns die Kompensationen nur bis Ende Dezember versprochen. Was danach kommt, wissen wir nicht“, sagt die Teplitzer Wirtin. Das hängt auch damit zusammen, dass noch nicht über eine Verlängerung des Notstands entschieden wurde.

Ihren Protest haben die Kneipen mit dem heutigen Tag erst einmal eingestellt. Das liegt auch an der Polizei, die in den letzten Tagen immer unangenehmer gegen die Boykotteure vorgegangen ist. „Wir halten jetzt den Weihnachtsfrieden. Aber wenn im neuen Jahr keine tragfähige Lösung da ist, setzen wir unseren Boykott fort“, kündigt Schönbauerová an.