Vor 74 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit. Daran erinnert der Holocaust-Gedenktag. Vor 77 Jahren wurde Lisa Miková an ihrem 20. Geburtstag nach Theresienstadt deportiert. Später kam sie nach Auschwitz. Die Befreiung erlebte sie halb verhungert im Konzentrationslager Mauthausen. Ein neues Buch schildert ihr Leben.

 „Wir kamen in einen riesigen Raum, es war eiskalt. Am Boden lagen schmutzige Matratzen und Strohsäcke. Wir mussten alles abgeben, was wir noch an Wertsachen hatten – vor allem mussten wir die Wohnungsschlüssel abgeben. Somit hatten wir kein Heim und nichts mehr.“ Lisa Mikova, geborene Lichtenstern, kam an ihrem 20. Geburtstag, dem 31. Januar 1942, nach Theresienstadt (Terezín). Es war das größte Konzentrationslager auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens, an der Grenze zwischen damaligen Sudeten und dem Protektorat Böhmen-Mähren.

Die ersten 16 Jahre wuchs sie in einem gutbürgerlichen, wohlhabenden Haushalt auf. Das änderte sich mit der Errichtung des Protektorats Böhmen-Mähren im März vor 70 Jahren. Nun galten auch da die deutschen Rassengesetze. Die Ankunft der Lichtensterns in Theresienstadt war ein Schock. Die frühere Garnisonsstadt, in der 7000 Menschen lebten, wurde zum streng bewachten jüdischen Ghetto, in denen zu Hochzeiten gleichzeitig bis zu 60000 Menschen wohnen mussten. „Wir wurden in großen Mannschaftsräumen untergebracht, auf der Erde waren wieder nur Matratzen oder Strohsäcke, immer für dreißig Personen in einem Raum. Es war dort kein Tisch, kein Stuhl, kein Nagel an der Wand – nichts. In der Ecke stand ein kleiner Ofen mit einem Eimer Kohle, geheizt wurde, wie man sich einigte – entweder früh, mittags oder abends“, erinnert sich Miková.

220px Eingangstor des KZ Auschwitz Arbeit macht frei 2007

Hunger und Kälte

Und nicht nur an Kohlen fehlte es. „Es haben in Theresienstadt immer alle sehr an Hunger gelitten, besonders die Kinder und die älteren Menschen. Theresienstadt hatte einen anderen Status. Es war eigentlich nur ein Durchgangsort, wo Menschen gesammelt und dann weiter geschickt wurden.“

Bei allem Schrecken erlebte Lisa Miková in Theresienstadt auch Positives, wie das Verhalten der tschechischen Gendarmen: „Sie achteten unsere Würde als Menschen. Sie waren nie vulgär oder gemein zu uns, wie die Deutschen, sondern begegneten uns auf Augenhöhe.“ Ein Ort zum Durchatmen war auch ihre Arbeit: „Ich arbeitete in der Verwaltung im technischen Büro als Zeichnerin und konnte wenigstens eine Zeit lang am Tag in der Wärme sitzen.“ Das Büro erwärmte sie nicht nur im direkten Sinn, sie lernte auch den Mithäftling Frantisek Mauthner kennen, der ebenfalls dort arbeitete und ihr Mann wurde. „Wir heirateten dort auch, das war eine rein formale Angelegenheit: Mein Name wurde auf seine Karteikarte eingetragen. Ich wohnte weiter mit meiner Mutter in der Frauenkaserne und er in der Kaserne, wo die Verwaltung war, aber wir dachten, wenn wir in einen Transport eingereiht würden, dass wir dann zusammen gehen könnten. Das haben wir gedacht – gekommen ist alles ganz anders.“

220px KZ Mauthausen

Erst wurden ihre Eltern nach Auschwitz geschickt. Sie starben in den Gaskammern des Vernichtungslagers, was Lisa erst nach dem Krieg erfuhr. Dann traf es im September 1944 ihren Mann. „Ich war 22 Jahre alt und ich war allein. Wenn man wenigstens gewusst hätte, wo jemand ist, aber alle verschwanden immer ins Unbekannte. Zwei Tage nach diesem Transport kam eine Verlautbarung der Nazis, dass sich zu den 5000 Männern 1000 Frauen freiwillig melden konnten.“ Lisa meldete sich und hatte Glück. Was sie nicht ahnte und ihr erst in Auschwitz klar wurde: „Das war nur eine Finte, mit der man uns weglocken konnte.“ Die Ankunft schildert sie so: „Wir kamen in der Nacht an. Männer liefen hin und her in gestreiften Anzügen wie Pyjamas, und hatten kahlgeschorene Köpfe. SS stand dort und Hunde. Wir mussten uns aufstellen und vor einige SS-Leute treten. In der Mitte stand einer mit einer Reitpeitsche, und der zeigte immer, wer nach links und wer nach rechts gehen sollte. Ich stand weiter hinten und merkte schnell: Nach links gingen die jungen Frauen und die, die noch verhältnismäßig gut aussahen, und auf die rechte Seite gingen die älteren Frauen und die Mütter mit den Kindern. Es wurde gesagt, sie kämen in ein Lager, wo sie nicht so viel arbeiten müssten und die Kinder Milch bekämen. Wir sahen natürlich nicht die Lastwagen, auf die diese dann aufgeladen und direkt in die Gaskammern gebracht wurden.“

Auschwitz übertraf das bisherige Grauen um ein Vielfaches. „Wir mussten uns vor diesen Männern nackt ausziehen und wurden kahl geschoren. Dann warf man uns ein gestreifte Kleider zu, ohne Unterwäsche. Statt unserer guten Lederschuhe bekamen wir Holzpantinen, aber keine Socken, so dass wir sehr schnell wunde Füße bekamen. Wir mussten zu zehnt auf eine Pritsche und bekamen zwei schmutzige Decken. Wir hatten keine Seife, kein Handtuch, keine Zahnbürste - überhaupt nichts. Zu Essen bekamen wir eine Schüssel für zehn Frauen mit so etwas wie einer Suppe. Darin schwammen Kartoffeln und Rüben, aber auch Kartoffelschalen. Wir haben gesagt: ‚Wir haben keine Löffel!’ und bekamen zur Antwort: ‚Vielleicht habt ihr doch Hände!’“ Um zu überleben, musste sich Lisa Mikova daran gewöhnen, die Suppe mit den Händen zu essen.

 1162837breit Lisa Mikova Foto Petr Balajka

Zwangsarbeit in Freiberg

Lisa Miková blieb nicht lange in Auschwitz, sondern wurde in eine Arbeitskolonne für Rüstungsfabriken gesteckt. Die letzten Kriegsmonate schuftete sie in einer Flugzeugfabrik im sächsischen Freiberg. Kurz vor Kriegsende wurde sie auf eine Odyssee geschickt und landete letztlich halb verhungert im Konzentrationslager Mauthausen, wo sie Anfang Mai die Befreiung erlebte. Ihr Mann überlebte ebenfalls. Nach dem Krieg nahmen sie den Namen Mika bzw. Mikova an, weil Mauthner den Behörden zu deutsch klang. Lisa Mikova lebt heute in einem jüdischen Altersheim in Prag.


Das Buch

Der Historiker und Übersetzer Werner Imhof hat unzählige Male mit Lisa Miková gesprochen und noch viel mehr Zeitzeugengespräche mit ihr organisiert. Nun hat er ihr Zeugnis über die schlimmsten Jahre ihres Lebens aufgeschrieben. Die Zitate im Text sind dem Buch „Ich bitte Sie, wir sind doch Europäer“ entnommen, das im Verlag tredition erschienen ist. Das Buch kostet 9,99 (Paperback) und kann hier bestellt werden.

 


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