Die Nationalgalerie Prag und Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ergründen die „Möglichkeiten des Dialogs“.

Zwei Menschen bestehen aus unterschiedlichen Stoffen. Treffen sie aufeinander, fressen sie sich auf und kotzen sich wieder aus. Ein „Ewiger Dialog“. Zwei Menschen aus Lehm geben sich einander hin, verlieren ihr eigenes Profil, verschmelzen. Ein „Leidenschaftlicher Dialog“. Zwei Köpfe bieten einander Aufgaben und Lösungen an, bis sie beide von Leistungsdruck und Missverständnissen ausgelaugt sind. Ein „Zermürbender Dialog“. Szene aus Jan Švankmajers Film "Möglichkeiten des Dialogs" (1982) in der gleichnamigen Ausstellung  in der Prager Nationalgalerie / Foto: Peggy LohseDer animierte Kurzfilm „Möglichkeiten des Dialogs“ des Surrealisten Jan Švankmajr eröffnet die gleichnamige Ausstellung, eine Kooperation der Prager Nationalgalerie (NGP), der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) sowie der Berliner Sammlung Hoffmann im Salm-Palais auf dem Prager Burgberg. 

Und Švankmajrs Film gibt die Diskursrichtung der Ausstellung vor: Alltagsmaterialien wie Metalle, Obst, Papiere, Zahnpasta, Lehm, Holz oder auch Butter formen den Austausch. Dialog als Übernahme, als Kampf, als Kraftakt? Dialog als Emotion, als Versinken, als Annehmen? Dialog als Mittel, als Problem oder als Chance? Was ist ein Dialog mehr als zwei konkurrierende Monologe, die wir analog wie digital via SocialMedia-Kanäle doch viel eher forcieren?

Keith Harings titelloses Bild von 1986 in der Ausstellung "Möglichkeiten des Dialogs" in der Prager Nationalgalerie / Foto: Peggy LohseVielfältig sind die Facetten von Dialog und Kommunikation, die die Schau in ihrer Mischung aus ganz unterschiedlichen zeitgenössischen Werken aufgreift, die die berühmte Sammlung von Erika und Rolf Hoffmann  jüngst den SKD schenkte und nun erstmals einem breiten internationalen Publikum vorgestellt werden.

Neben Švankmajr hängt am Eingang eine farbenfrohe Porträtcollage von Andy Warhol. Auf zwei Etagen des Salm-Palais folgen Arbeiten von der Performance-Künstlerin Marina Abramović, Keith Haring, Jiří Černivký, Nobuyoshi Araki, Jake und Dinos Chapmann. Außerdem wird die Reihe ergänzt durch Arbeiten tschechischer Künstler: Krištof Kinteras „Ich kann nicht schlafen“ greift das Thema Obdachlosigkeit auf. Hinter einem Durchgang überrascht, wenn nicht gar erschreckt die Installation eines scheinbar schlafenden Menschen auf einer Isomatte. Keinerlei Hab und Gut. Nur eine leere Ecke. Félix Gonzáles-Torres' "Wir erinnern uns nicht" (1991) in der Ausstellung "Möglichkeiten des Dialogs" in der Prager Nationalgalerie / Foto: Peggy LohseRichard Stipl schockiert mit seiner Matriarchats-Distopie „Block Sabbath“. Und dazwischen fragt Thomas Locher in Antonymenreihen nach „Wunsch und Wille“ und drängt auf Entscheidungen.

In und unter den gezeigten Werken geht es um Dialog auf verschiedenen Ebenen. Er ist Thema des Objekts selbst, wie die gefallene, karikierte „Diva“ im zweiten, unerwartet bunt tapezierten, aber völlig dunklen Raum. Sie singt und kreischt in einem Vogelkäfig, dabei sieht ihr eine verunstaltete, obszöne Puppe zu. Außerdem, so betonen es auch die Macher der Ausstellung, dürfen die Besucher hier  Zeugen sein eines künstlerischen Dialogs zwischen den Objekten und zwischen den Künstlern aus aller Herren Ländern. 

Und dann findet ein Dialog auch zwischen den Objekten und dem Betrachter statt, der erfreut, verstört, angetan oder vielleicht auch abgestoßen reagieren kann. In der Ausstellung "Möglichkeiten des Dialogs" in der Prager Nationalgalerie / Foto: Peggy LohseGleichgültig dürften die Stücke kaum jemanden lassen. Vielmehr tut der klug arrangierte Spannungsbogen der Ausstellung gut, der immer wieder dekorativere, farbenreichere zwischen schwere und drastische Stücke stellt. Immer wieder wollen wir uns von Dialogen und ihren Fragen eben auch ausruhen können. 

Was will ich eigentlich vom Dialog mit dem Gegenüber? Mich  präsentieren? Dann sind unsere Worte ja vielleicht doch nur aufeinander treffende Monologe? Will ich überzeugen, besiegen? Verstehen oder verstanden werden? Wie führe ich Dialoge und wie lasse ich mich führen im Dialog? Welche Rollen gibt es, welche nehme ich gern, welche ungern an?  Die Ausstellung „Möglichkeiten des Dialogs“ ist bunt, konstrastreich. Auf manchen mag sie vielleicht chaotisch wirken. Aber trifft sie nicht auch damit ihr Thema? Jedenfalls entlässt sie uns Besucher mit spannenden Fragen. 

 


Die Vorstellung von Werken der Schenkung Sammlung Hoffmann der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ist der erste Teil der Programmreihe Salm Modern. Die NGP möchte im Rahmen dieses Zyklus Ausstellungen zur internationalen modernen und zeitgenössischen Kunst im Kontext von Arbeiten tschechischer Künstler*innen präsentieren. In Zusammenarbeit mit führenden europäischen und internationalen Galerien und Museen werden Ausstellungen von mittlerer Dauer in ungefähr einjährigen Zyklen realisiert.

 

Die SKD und NGP sind im vergangenen Jahr eine Partnerschaft eingegangen. Den Auftakt der Kooperation zelebrierten die beiden Museumsverbünde im Winter 2017 mit dem „Kulturzug Praha – Dresden // Dresden – Praha“, gefestigt wurde die Partnerschaft durch den intensiven Austausch der Mitarbeiter*innen und auch Generaldirektor*innen, die ebenfalls für einen Tag symbolisch ihre Rollen tauschten. In den kommenden Jahren sollen weitere gemeinsame Ausstellungs- und Forschungsvorhaben realisiert werden.


Bis 1. Dezember 2019

„Möglichkeiten des Dialogs“

Nationalgalerie Prag, Salm-Palais, Prager Burg

Hradčánské náměstí 1

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