Deutschland hat sich vom östlichen Europa abgewandt. Länder wie Sachsen, Städte wie Dresden könnten eine Brücke sein und haben diese Chance vertan, wie unser Autor resümiert. Das muss sich dringend ändern.

 Vor rund 17 Jahren wurde ich von der Sächsischen Zeitung gefragt, warum ich Dresden verlasse und zur Bundeszentrale für politische Bildung nach Bonn wechsle. Ich begründete es damals mit meiner „persönlichen Osterweiterung“, dem Argument, mich dort in Bonn im „Ost-Kolleg“ auch mit anderen Staaten Mittel – und Osteuropas beschäftigen zu können, mit Georgien, Rumänien, Bulgarien und der Ukraine. Auch wenn es spät ist, ich muss Ihnen heute gestehen: Das war nur die halbe Wahrheit!

Angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, angesichts der „Überraschung“ so mancher, wie das denn kommen konnte, angesichts der fundamentalen Fehleinschätzung von Russland unter Putin, ist es an der Zeit, die ganze Wahrheit zu sagen.

Ich bin auch gegangen, weil ich nicht weiterkam, mit meinem Engagement für mittelosteuropäische Kultur- und Bildungsprojekte in Dresden und Sachsen. Weil ich immer wieder gespürt habe, dass ich „allein“ auf weiter Flur bin, ich mit meiner Vision eines Dresdens als Drehscheibe der Mittel- und Osteuropa-Kompetenz eher zum Arzt als in diese Stadt gehörte.

Es folgten Jahres des Schrumpfens

Und die dann folgenden Jahre sollten mir scheinbar Recht geben. Und damit meine ich nicht nur die „Ausschleichung“ der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem östlichen Europa an der TU-Dresden und anderen sächsischen Hochschulen. Nein, es traf auch „meine“ Homebase, die Brücke/Most-Stiftung. Hatte die Stiftung bei meinem Weggang noch ein florierendes Studienhaus (das Brücke/Most-Zentrum in Dresden Blasewitz), in dem frühere tschechische Dissidenten wie Jiří Gruša, František Černý und Jan Sokol ein und aus gingen, – nicht müde werdend vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen mit der Niederwalzung des Prager Frühling vor russischen Großmachtfantasien zu warnen, – ein Dutzend Beschäftigte und ein die Stadt einmal im Jahr in blau-weiß-rote Farben tunkendes Festival, so folgten Jahre des Abbaus, der Reduktion, des Schrumpfens.

Traumatisch bis heute war für mich eine Sitzung, an der ich als ehrenamtliches Kuratoriumsmitglied teilnahm und auf der eine Mitarbeiterin aus einem damals für die Arbeit wichtigen Ministerium erklärte: „Wir können doch keine private Stiftung der politischen Bildung und Völkerverständigung mit Tschechien ‚retten‘“. Meinen Einwand, dass Begegnungsorte und offene Ohren für unsere unmittelbaren Nachbarn doch wichtig seien und „Subsidiarität“ ein zentrales Grundprinzip unseres Staates, dass wir so gesehen täglich tausende von Kindergärten, Schulen und Kliniken „retten“ (oder sagen wir richtigerweise „fördern“) würden, ließ sie nicht gelten. Politische und kulturelle Bildung mit Mittel- und Osteuropabezug war nicht „rettungswürdig“.

Das Brücke/Most-Zentrum schloss Ende August 2017 seine Pforten, viel Personal musste entlassen und über 15 Jahre Expertise und Renommee waren – wenn nicht dahin – so doch nachhaltig beschädigt. Klar, es blieb etwas. Klar, einem gallischen Dorf in Blasewitz gleich, machten einige wenige „unbeugsame“ Mittelosteuropa-Enthusiasten weiter. Aber die Zäsur bleibt und die Wunde schmerzt bis heute. Und ein wichtiger und lebendiger Ort, der in den letzten Jahren als Verstärker der mittelosteuropäischen Stimmen in die Stadtgesellschaft hätte wirken können, fehlte schmerzlich.

Auch „der Westen“ wendete sich ab vom Osten

Nun könnte man sagen: ein unverzeihlicher Fehler der Stadt Dresden, ein Fehler des Freistaates, diese Ignoranz gegenüber dem scheinbar so naheliegenden „Osten“. Aber kaum in Bonn angekommen wurde mir klar: Auch hier rückt das östliche Europa seit Ende des Kalten Krieges immer ferner.

Das renommierte „Bundesinstitut für internationale und ostwissenschaftliche Studien“ (BIOst), einst in einer für den „tiefen Westen“ ungewöhnlich „schicken Platte“ in der Kölner Lindenbornstraße untergebracht: abgewickelt. Die grandiose Bibliothek: aufgelöst. Das Gebäude: abgerissen und durch nun aber wirklich schicke „Townhouses“ ersetzt. Die Bonner Slawistik – wie so viele in ganz Deutschland: eingespart. Überhaupt führte die osteuropäische Geschichte, die Slawistik und alle professionelle Beschäftigung mit Mittel- und Osteuropa ein bundesweites Siechtum. Geschweige denn „Ukrainian Studies“. Und auch das frühere Ost-, später dann Ost-West-Kolleg, der Bundeszentrale für politische Bildung, zu dem ich ja sozusagen als „letzter Referent“ kam, hatte noch vor meinem „Diensteintritt“ sein Ende gefunden.

„30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist das kollektive Wegschauen, das Abkehren vom Osten ein gesamtdeutsches Phänomen.“  

Klar, es gab und gibt die tollen und zahlreichen NGOs, es gab und gibt das wunderbare Engagement Einzelner, auch von Stiftungen und Vereinen. Und auch in vielen freien Trägern und den staatlichen Zentralen der politischen Bildung verschwand das Thema nie ganz. Und klar, so manch eine und einer hat beim „Gang durch die Institutionen“ nie die Leidenschaft für die Region verloren. Die landeskundlichen – und ja auch sprachlichen – Expertisen wurden aber mit jedem Jahr blasser, in dem man sich nicht mehr „nur“ mit Tschechien oder Polen beschäftigte. Eine ehrliche Bilanz fällt bitter aus: Auf dem Auge der Mittel- und Osteuropabeschäftigung sind wir langsam aber sicher „erblindet“. Die wohl zentralste Region für das Wohl und Wehe Deutschlands wurde Jahr für Jahr mehr zum weißen Fleck. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist das kollektive Wegschauen, das Abkehren vom Osten ein gesamtdeutsches Phänomen.

Mit Schnittchen gegen Mahnungen

Wir haben es den „Business-Leuten“ überlassen, uns zu erklären, wie man mit Osteuropa umzugehen habe: Der Handel wird es richten, das Gas muss fließen. Der Blick auf Russland gerichtet, alles dazwischen: vergessen. Sprach- und Landeskenntnisse: überflüssig! Ein offenes Ohr für die mahnenden Stimmen unserer Nachbarn: Fehlanzeige! Wir waren erstaunlich harthörig gegenüber allem, was uns die Menschen aus den Ländern kurz hinter der Grenze bei Zittau entgegengerufen haben. 

Wir haben all den Preisträgerinnen und Preisträgern des Leipziger Buchpreises der europäischen Verständigung – nur knapp eine ICE-Stunde von Dresden entfernt – wohlwollend zugehört, sei es Masha Gessen (2019), sei es Karl Schlögel (2009), sei es Jurij Andruchowytsch (2006) oder Timothy Snyder (2012) und zuletzt Karl-Markus Gauß (2022), die uns laut und deutlich zugeschrien haben: Schaut auf das östliche Europa! Vergesst die Menschen dort nicht! Die uns kassandragleich vor dem autoritären putinistischen Russland gewarnt haben. Die von „Bloodlands“ (Snyder) und einer „Geschichte, die Zukunft wird“ (Gessen) berichteten, warnten, mahnten. 

Und wir? Wir haben geklatscht, dann zusammen Schnittchen gegessen, Radeberger Bier getrunken und unsere Gäste dann wohlwollend und heiter beschwipst wieder gen Osten verabschiedet, ihnen hinterher gewunken, sind mit dem ICE zurück nach Dresden gefahren und haben den nächsten Italien-Urlaub mit Eurowings ab Klotzsche gebucht. Wir haben sie überhört, haben sie nicht hören wollen. Vielleicht schauten wir nicht hin, weil sie auch von den Wunden berichteten, die wir in unserer eigenen dunkelsten Geschichte gerissen haben. Vielleicht wollten wir einfach vergessen. Vielleicht glaubten wir es schlicht nicht. In jedem Fall exotisierten wir all ihre Berichte und speicherten sie irgendwo zwischen „Reisebericht aus der Ferne“ und „Geschichten aus Tausendundeiner Nacht“ ab.

„Denkt nicht nur humanitär, denkt politisch!“

Und jetzt? Was können wir nun noch tun, wo das Kind im Brunnen liegt? Die ukrainische Schriftstellerin Kateryna Mishchenko, die auf einer Veranstaltung wenige Tage nach dem Beginn des Krieges gegen ihr Land ins Literaturhauses Stuttgart via Zoom aus Lwiw zugeschaltet wurde, gibt uns eine mögliche Antwort: „Denkt nicht nur humanitär, denkt politisch!“

Ein humanitärer Schritt ist getan, Dresden und der Freistaat Sachsen zeigen sich von ihrer besten Seite und nehmen in großartiger Solidarität Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine auf, Vereine wie der Dresdner „Europa Direkt e. V.“ organisieren in kürzester Zeit Spenden- und Hilfsaktionen für die Ukraine.

Und das, was man politisch hier in Dresden und im Freistaat tun könnte? Wir müssen die darbende Mittel- und Osteuropakompetenz in allen Bereichen ausbauen und diejenigen unterstützen, die in den letzten Jahrzehnten durchgehalten haben. Es gilt die arg gebeutelte politische und kulturelle Bildung mit Mittelosteuropabezug nicht nur zu „retten“, sondern substantiell zu fördern. Wir müssen anfangen, Dresden zu einem Ort zu entwickeln, der er sein könnte: ein Ort, der dicht dran ist am östlichen Nachbarn, ein Zentrum der politischen und kulturellen Begegnung mit Mittel- und Osteuropa und eine Hochburg der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Region. Also zu einem Ort mit weit geöffneten Ohren für unsere östlichen Nachbarn, ein Brücken-Ort, eben eine Drehscheibe der Mittel- und Osteuropa-Kompetenz.


Foto: Martin ScheragDaniel Kraft war der erste Leiter des inzwischen geschlossenen Brücke/Most-Zentrums der Brücke/Most-Stiftung in Dresden-Blasewitz. 2005 wechselte er von Dresden nach Bonn zur Bundeszentrale für politische Bildung, deren Pressesprecher er seit 2009 ist. Mit Dresden und der Brücke/Most-Stiftung ist er aber weiterhin eng verbunden. Er ist Vorstandsmitglied der Stiftung und Dozent an der Dresden International University. Die Brücke/Most-Stiftung feierte Anfang Juli ihren 25. Geburtstag. Entstanden ist sie kurz nach der Unterzeichnung der Deutsch-Tschechischen Erklärung von 1997.

 

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